Der Wald steht schwarz und schweiget
Deutschlands Wälder haben eine bewegte Geschichte. Vom Landbau zurückgedrängt, blieben vom germanischen Urwald ausgangs der mittelalterlichen Rodungen nur noch kümmerliche Reste. Bereits im 16. Jahrhundert war er kein unberührter Naturwald mehr. Über Jahrhunderte hinweg hat er als Stall für Vieh (Waldweide, Vieheintrieb, Streunutzung), später als Wiege der Industrie (Köhlerei, Glasindustrie, Bergbau usw.) und zusätzlich ab dem 17. Jahrhundert als barocke Kulisse feudalen Jagdvergnügens gedient.
Heruntergekommen, devastiert und ausgeplündert vermochte er den rasch anwachsenden Nutzholzbedarf des beginnenden 19. Jahrhunderts nicht mehr zu befriedigen. Dies war die Schwelle zum geregelten Waldbau. Der Försterwald war das Ergebnis einer ökonomischen Notwendigkeit. "Wir haben eine Forstwirtschaft, weil es uns am Holze fehlt!" (Heinrich Cotta, Direktor der im Jahre 1800 gegründeten ersten Forstakademie der Welt in Tharandt). Das Betriebsmodell der gerelten Forstwirtschaft ist bis heute weitgehend der "schlagweise Altersklassenwald". Es entstanden Holzäcker aus Bäumen gleicher Art und gleichen Alters, gepflanzt in Reih und Glied, geerntet im Kahlschlag.
Die Folgen (nach Bundeswaldinventur 1986-1989):
Auf 70 % der deutschen Waldfläche stocken Nadelhälzer, obwohl von Natur aus maximal 30 % der Standorte Nadel- und Nadelmischwälder tragen würden. Nur 9 % der Bäume sind älter als 120 Jahre.
Der Wald ist baumartenarm. Mehr als 90 % seiner Fläche werden von nur 5 Baumarten geprägt (Fichte, Kiefer, Buche, Eiche, Douglasie - eingeführt aus Nordamerika).
Der Wald ist vorratsarm. Er besitzt nur ein Drittel der Holzmasse, die ein Lauburwald unter unseren Verhältnissen aufweisen kann.
Der Wald ist krank; geschädigt durch Schwefel- und Stickoxide, durch die eigene Monotonie, anfällig gegenüber Schädlingen, Schnee und Sturm.
Der von verantwortungsvollen Forstleuten eigeleiteten "Waldwende", hin zu einem artenreichen Mischwald mit Bäumen unterschiedlicher Altersstruktur, stehen noch heute die Interessen einer auf Trophäenkult ausgerichteten Jagd- und Hegekultur entgegen. Wild wird gehegt mit Methoden, die der Tierzucht entlehnt wurden: Es wird gefüttert, züchterisch selektiert, "Blut" eingekreuzt und aufgefrischt, Raubfeinde und Parasiten bekämpft. Wildbestände werden erfaßt, nach Geschlechts- und Altersklassen gegliedert, Zuwachs berechnet, Abschußquoten ermittelt, "Erntehirsche" entnommen. Die Folge sind zu hohe Schalenwilddirchten (vor allem Hirsche und Rehe, dazu das fremd eingebürgerte Dam- und Muffelwild) mit katastrophalen Auswirkungen vor allem für den Laubwald. "Das Gebiet der ehemaigen DDR dürfte heute neben der Serengeti das mit Schalenwild dirchtestbesiedelte Gebiet des Globusses sein" (Bode 1994).
Geschätzter Wildbestand 1994 in Thüringen:
Rotwild | 7800 | auf | 1960 km² | = | 4,0 / km² |
|---|---|---|---|---|---|
Damwild | 1450 | auf | 520 km² | = | 2,8 / km² |
Rehwild | 40000 | auf | 5020 km² | = | 8,0 / km² |
Muffelwild | 2050 | auf | 580 km² | = | 3,5 / km² |
Schwarzwild | 12000 | auf | 5020 km² | = | 2,4 / km² |
Anders als Feldfluren vertragen naturnahe, wuchskräftige Wälder nicht mehr als 2 -3 Rehe/km². Der Verbiß an den Jungbäumen erlaubt bei solchen, durch Zufütterung künstlich hoch gehaltenen Wilddichten, keine Naturverjüngung der Laubholzbestände.



